Rettung mit Folgen

Er spürte, dass sich seine Kraft dem Ende näherte. Wieder einmal überspülte eine Welle seine Lippen, hob ihn empor und ließ ihn im nächsten Moment wieder fallen. Seine Arm- und Beinmuskeln schmerzten, doch beharrlich arbeitete er sich weiter an den Strand heran.

Rückenschwimmen war noch nie sein Ding gewesen, aber er hatte keine andere Wahl. Die bewusstlose Frau im Schlepptau, kämpfte er um ihrer beider Leben. Sein Kopf fuhr herum und er atmete auf, als er erkannte, dass er nur noch zwanzig Meter hinter sich bringen musste bis zum sicheren Strand.

Am Ufer sprangen Leute auf, deuteten aufgeregt in seine Richtung. Zwei Männer rannten auf das Wasser zu, stürzten sich in die Brandung.

Erschöpft schloss er die Augen. Hilfe war unterwegs. Er spürte Hände, die sich unter seine Schultern schoben.

"Lassen sie die Frau los! Ich habe sie."

Er hörte die Stimme, war jedoch unfähig, die Frau loszulassen. Beharrlich hielt er sie fest. Er musste die Frau an Land bringen. Fest klammerte er sich an diesen Gedanken. Wenn er die Frau losließe, würden sie beide ertrinken.

Die Männer riefen und plötzlich fühlte er sich gepackt. Die beiden zogen ihn und seine Last Richtung Strand. Eine Frau warf ihr Handtuch in den Sand und lief auf die Schwimmer zu.

"Claudia!", rief sie dabei mehrmals.

Zeitgleich mit den Männern, die mit den Geretteten endlich den Strand erreichten, kam sie bei ihnen an. Nach wie vor hielt der athletisch gebaute, blonde Mann die Frau in seinem Rettungsgriff. Er lag mit dem Rücken auf dem schmalen Sandstreifen, der Körper der Frau lag auf seinen Beinen, ihr Kopf ruhte auf seiner Brust. Am Ende seiner Kräfte weigerte er sich immer noch hartnäckig, sie loszulassen. Schwer atmend lag er da, das Gesicht verzerrt. Die Frau, die ihnen entgegengelaufen war, ging neben ihm auf die Knie.

"Können sie mich hören?"

Er antwortete nicht.

"Mein Name ist Julia", fuhr sie fort und berührte ihn sanft an der Wange. "Sie haben meine Freundin gerettet. Claudia ist jetzt in Sicherheit. Lassen sie bitte los!"

Sanft redete sie weiter auf ihn ein.

Tatsächlich lockerte er seinen Griff und öffnete die Augen. Obwohl noch voller Sorge um ihre Freundin, lächelte sie ihn offen an.

"Ja, so ist es gut. Lassen sie sie los und kommen sie erstmal wieder zu Kräften!"

Er sah ihr Lächeln und begriff zum ersten Mal, dass sie tatsächlich in Sicherheit waren. Der harte Sand in seinem Rücken bestätigte dies. Zögernd löste er seinen Griff und seine Arme fielen kraftlos in den Sand.

Sofort hoben die beiden Retter die Frau von ihm herunter. Erleichtert, dass ihr Gewicht ihn nicht mehr zusätzlich belastete, holte er tief Luft. Er schaute zur Seite, doch die Frau, die sich Julia genannt hatte, war nicht mehr da. Er schloss die Augen und horchte in sich hinein.

Nur undeutlich nahm er Julias Versuche wahr, ihre Freundin wiederzubeleben. Immer wieder atmete sie tief durch, presste ihre Lippen den Mund des leblosen Körpers, um ihm Luft zu spenden.

Mit heulender Sirene kam ein Krankenwagen auf den Strand gerast. Einer der Badegäste hatte wohl den Notruf gewählt. Der Wagen stoppte, die Sanitäter sprangen heraus und rannten zu den beiden Frauen. Sofort rückte Julia von ihrer Freundin ab, die gerade hustend Wasser spuckte. Julia setzte sich erleichtert auf. Sie sah den Sanitätern zu, die ihre Freundin untersuchten. Einer der beiden zog Claudia eine Sauerstoffmaske über Mund und Nase. Der andere ging zu Julia hinüber.

"Wie geht es meiner Freundin?"

Der Sanitäter lächelte sie beruhigend an. "Sie hat wohl sehr viel Wasser geschluckt und noch Probleme mit der Atmung. Deshalb nehmen wir sie erst einmal mit ins Krankenhaus. Aber keine Sorge, sie wird sich sicher schnell erholen."

Julia seufzte erleichtert. "Gott sei Dank! Ich ziehe mich kurz um und komme dann ins Krankenhaus nach", erklärte sie dem Sanitäter.

Gemeinsam hoben die Männer Claudia auf eine Trage und schoben diese in den Krankenwagen, der kurz darauf abfuhr.

Julia holte noch einmal tief Luft und wandte sich, sah den blonden Retter, der sich gerade schwankend aufrappelte.

"Ich muss mich bei ihnen bedanken, Herr …?"

"Henkel", stieß er gequält und nach Luft ringend hervor. "Torben Henkel."

Zum ersten Mal schaute sie ihn sich genauer an. Braungebrannt, muskulös, hochgewachsen stand er vor ihr und sah verdammt gut aus.

"Vielen Dank, Herr Henkel, dass sie meine Freundin gerettet haben", sagte sie und lächelte strahlend.

Noch immer schwankte er leicht. Er fühlte sich völlig zerschlagen. Der Kampf gegen das Meer und das zusätzliche Gewicht von Claudia wären fast zuviel für ihn gewesen.

"Sagen sie ruhig Torben! Herr Henkel ist mein Vater", scherzte er mit brüchiger Stimme.

"Sind sie soweit in Ordnung? Kann ich sie allein lassen? Ich mache mir Sorgen um Claudia und möchte so schnell wie möglich zu ihr."

Er nickte. Sein einziger Wunsch im Moment war: zurück in seine Pension und so schnell wie möglich ins Bett zu kommen.

Julia wandte sich ab und lief zu dem Platz hinüber, an dem ihre und die Kleidung ihrer Freundin lagen. Hastig zog sie sich die kurze Jeans und das T-Shirt über, packte die restlichen Sachen in die Taschen, schlüpfte in ihre Schuhe und machte sich auf den Weg zu ihrem Auto.

Torben Henkel wankte ebenfalls zu seinem Liegeplatz, bückte sich nach seiner Kleidung und zog sie an. Er nahm sein Handtuch auf und ging jetzt schon sicherer auf den Beinen in Richtung seiner Pension davon.

*

Als er erwachte, war es bereits dunkel. Leise Musik von der Promenade drang durch das offene Fenster zu ihm herein. Er richtete sich im Bett auf und zuckte zusammen. Jeden Muskel spürte er und mit dem leichten Schmerz kam die Erinnerung an den Kampf gegen die Wellen zurück.

Vorsichtig schwang er die Beine aus dem Bett und schwankte ins angrenzende Badezimmer. Seine Hand fand den Lichtschalter. Er blinzelte gegen das helle Licht an und blieb vor dem Spiegel stehen. Sein Spiegelbild wirkte müde und erschöpft.

Er zog sich aus und ließ seine Kleidung achtlos auf den Boden fallen. Schnell trat er in die Dusche und drehte das Wasser auf. Es tat gut, sich das Salz vom Körper zu spülen.

Fünfzehn Minuten später verließ er die Pension und lief durch die Fußgängerzone den kurzen Weg zur Strandpromenade hinunter. In einem Lokal direkt am Meer suchte er sich draußen einen freien Tisch und nahm Platz. Sofort kam ein Kellner, bei dem er ein Glas Weißwein bestellte.

Dann schaute er aufs Meer hinaus, seufzte und streckte die langen Beine von sich. Der Ausblick war wunderschön. Im Schein der Laternen der Strandpromenade sah er sanft die Brandung ans Ufer rollen.

In Gedanken war er bei der Frau, die er gerettet hatte. Obwohl er gegen die See kämpfen musste, hatte er festgestellt, dass sie sehr hübsch war. Im gefielen ihre süßen Ohrläppchen hinter denen nass ihr langes, braunes Haar klebte, wodurch die die sanft geschwungene Linie ihres Halses betont wurde.

Der Gedanke an ihre Ohrläppchen ließ ihn lächeln. Wie sollte man jemandem erklären, was man an Ohrläppchen anziehend fand? Er lachte leise.

"Sind sie Torben?"

Die Stimme schreckte ihn aus seinen Gedanken, er schaute auf. Da stand sie an seinem Tisch. Claudia war noch schöner als in seiner Erinnerung.

Er stand auf. "Ja, ich bin Torben Henkel", antwortet er heiser. "Wie haben sie mich gefunden? Geht es ihnen wieder gut?"

Ihr Lächeln gefiel ihm sehr gut. "Julia", sagt sie und deutete zur Promenade. Tatsächlich stand ihre Freundin dort, winkte ihm kurz zu, drehte sich um und ging davon.

Er sieht wirklich fantastisch aus, dachte Claudia, Julia hat nicht übertrieben.

"Setzen sie sich doch bitte!", forderte er sie auf.

Doch sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich würde lieber ein Stück am Wasser entlanggehen. Und wenn es dir nichts ausmacht - nach dem was wir heute erlebt haben, sollten wir uns duzen!"

"Sehr gerne!"

Er legte Geld für den Wein auf den Tisch, kam um den Tisch zu ihr herum und sie gingen Richtung Strand davon.

"Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, danke scheint mir zu wenig. Immerhin hast du mir das Leben gerettet."

Torben winkte ab, das Thema war ihm unangenehm. "Das hätte doch jeder andere auch getan."

Ihre braunen Augen sahen ihn durchdringend und ein wenig spöttisch an. "Es war aber nicht jeder, der mich gerettet hat, mein Held", antwortete sie schelmisch grinsend. "Julia hat mir auch erzählt, dass man dich kaum von mir trennen konnte, nicht einmal, als wir schon aus dem Wasser waren. Du scheinst sehr anhänglich zu sein."

Er spürte, dass er tatsächlich rot wurde. Ihr helles Lachen gefiel ihm.

"Tut mir leid, okay? Manchmal kann ich ganz schön gemein sein."

Schlagartig wurde sie ernst, blieb stehen und wartete, bis er sich zu ihr herumgedreht hatte und ihr in die Augen sah.

"Danke, dass du da warst und mich da rausgeholt hast".

Ihre Stimme war leise und hatte einen sanften Klang. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange.

"Ich weiß selbst nicht, warum ich so weit raus geschwommen bin. Ich bekam einen Krampf und versuchte ihn loszuwerden. Sich mit den Armen über Wasser zu halten, kostete viel Kraft. Und schließlich merkte ich, wie ich unterging. Es war furchtbar. Diese Angst, die Panik …"

Er legte ihr einen Finger auf die Lippen. Sie blickte zu ihm auf, er sah in ihren Augen und erkannte, dass dieser Moment der Hilflosigkeit und Angst sie immer noch in seinem Bann hielt.

Automatisch zog er sie in seine Arme und fühlte, wie sich ihr Kopf an seine Schulter lehnte.

"Es ist vorbei. Alles ist gut gegangen. Denk nicht mehr daran!"

Seine Stimme klang weich, sie empfand seine Umarmung als tröstend. "Machst du hier Urlaub?"

Claudia nickte und war dankbar für die Ablenkung. "Julia und ich sind übers Wochenende hier an die Ostsee gekommen, um für ein paar Tage dem Alltagstrott in Hannover zu entkommen. Und du?"

Sanft machte sie sich aus seinen Armen frei, hakte sich jedoch bei ihm ein, als sie weitergingen. Sie fühlte sich in seiner Nähe geborgen.

Auch ihm gefiel diese Nähe. "Hannover, da sind wir ja fast Nachbarn", erklärte er lächelnd. Als er ihren überraschten Blick sah, musste er lachen. "Ich wohne in Celle. Seit einer Woche bin ich hier im Urlaub, eine weitere liegt noch vor mir. Erholung von der Firma meines Vaters und von ihm selbst. Er ist manchmal sehr anstrengend.

Das Leben geht schon merkwürdige Wege. Da fährt man ein paar hundert Kilometer, nur um jemanden aus der Nachbarschaft zu treffen."

Sie musste ebenfalls lachen, wunderte sich aber darüber, wie schnell sie dieser Mann in seinen Bann zog. Ja, er zieht mich an wie ein Magnet, gestand sie sich ein.

"Wartet in Celle jemand auf dich?" fragte Claudia.

Er sah ihren leicht verunsicherten Blick, freute sich aber gleichzeitig über ihre Frage. Sie ist ebenso an mir interessiert wie ich an ihr, vielleicht …

Doch er dachte den Gedanken nicht zu Ende, wagte es noch nicht. Schon zu oft hatten ihn Frauen enttäuscht, meist durch ihre Eifersucht. Er konnte schließlich nichts dafür, dass sich Frauen für ihn interessieren. Das bedeutete ja noch lange nicht, dass er mit jeder ins Bett gehen musste.

"Nein, es wartet niemand auf mich, außer meinem Vater, der mich gar nicht weglassen wollte. Und du? Eine schöne Frau wie du hat doch sicher jemanden, der auf sie wartet."

Claudia war erleichtert. Da war also niemand. Mit leuchtenden Augen schüttelte sie den Kopf.

"Nein, da ist seit zwei Jahren niemand mehr gewesen - und danke für das Kompliment."

Schließlich neigte er langsam den Kopf und seine Lippen näherten sich ihren. Kurz vor ihrem Mund hielt er in der Bewegung inne. Doch sie kam ihm entgegen, sie küssten sich leidenschaftlich. Als sie sich voneinander gelöst hatten, holte Claudia tief Luft.

"Wow, nicht schlecht, Torben Henkel! Kann ich noch mehr davon bekommen?"

Wortlos zog er sie auf den Strand und ließ sich in den weichen Sand sinken. Ohne zu zögern setzte sie sich auf ihn. Ihr Haar hing offen herunter und kitzelte seine Wangen. Sanft nahm er ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie erneut. Er fühlte ihre Hände an seinem Oberkörper und ließ seine über ihre Hüften gleiten. Er spürte, wie sie erschauderte.

Hastig streiften sie ihre Kleidung ab und er zog sie in den warmen Sand. Er drang sanft in sie ein und sie liebten sich zärtlich und hingebungsvoll.

Später lagen sie eng aneinander gekuschelt am Strand, schauten sich in die Augen und lauschten der Brandung. Sie wunderten sich darüber, wie schnell alles gegangen war. Eigentlich waren sie beide nicht der Typ dafür.

In Claudias Kopf rasten die Gedanken. So etwas Schönes hatte sie schon lange nicht mehr erlebt. Sie sehnte sich nach mehr, doch die Angst vor einer neuen Enttäuschung drängte sich in den Vordergrund. Furcht und Selbstzweifel trieben sie zu einer Entscheidung. Entschlossen richtete sie sich auf.

"Es war sehr schön, Torben, ich werde immer gern daran zurückdenken. Aber jetzt lass uns gehen! Julia und ich müssen Morgen nach Hannover zurück."

Er stand ebenfalls auf und zog sie enttäuscht zu sich heran. "War es das? War das alles, was du wolltest? Nur diese Nacht? Warum? Aus Dankbarkeit?"

Nein, dachte sie, ich will viel mehr als das. Aber bist du auch bereit, mir das zu geben?

Torben hatte sich abgewandt und starrte aufs Meer hinaus. Er hatte sich mehr erhofft.

Claudia spürte seine Enttäuschung, war innerlich hin und her gerissen. Sie fasste den Entschluss, es ihm zu sagen. Bestimmt empfand er ebenso wie sie, hoffte sie verzweifelt. Seine Reaktion wies darauf hin. Entschlossen schüttelte sie den Kopf, schob ihre Ängste beiseite und musterte ihn mit traurigen Augen.

"Nein", sagte sie leise und schaute ihn offen an. "Am Liebsten hätte ich viel mehr. Aber was willst du?"

Torben spürte, wie sein Herz vor Freude sang. Er nahm ihr Gesicht in die Hände und schaute ihr lächelnd in die Augen. "Ich werde dankbar alles nehmen, was du bereit bist zu geben. Und du wirst alles, was du mir gibst, auch zurückerhalten. Lass es nicht hier enden! Noch nie war mir ein Mensch so nahe."

Unruhig wartete er auf ihre Antwort. Doch sie schwieg. Die unausgesprochene Antwort auf seine Frage las er in ihren Augen, die wie zwei Sterne leuchteten.

Glücklich nahm er ihre Hand, sie liefen barfuß durch den weichen Sand am Strand entlang.

 

(c) 2015 John McLane

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