Blutiger Opernball


Der große Saal war gut gefüllt. Wie immer sonnte sich die Haute-Volée im Blitzlichtgewitter der Presse zum diesjährigen Opernball. Die altehrwürdige Wiener Staatsoper vibrierte unter den Klängen der Walzermusik.
Sabrina Mälzer trocknete ihre Hände ab und schaute prüfend in den Spiegel. Nach wie vor war ihr Make Up in Ordnung. Sie beugte sich vor und schüttelte ihr rotes Haar aus. Als sie sich aufrichtete, umrahmte die lange Mähne ihr junges, schönes Gesicht, in dem die ausdrucksstarken Augen das auffälligste Merkmal waren.
Die junge Schauspielerin, der neue Star am Wiener Burgtheater, nahm zum erstem Mal am Opernball teil. Sie war beeindruckt von dem Aufeinandertreffen der Vergangenheit und Gegenwart hier in den ehrwürdigen Hallen der Staatsoper. Glücklich und beschwingt warf sie einen letzten, prüfenden Blick in den Spiegel, bevor sie die Tür der Damentoilette aufzog und den Rückweg zum Ballsaal antrat.
Zu ihrem Glück trug Franz Andersen, Sohn eines bekannten, österreichischen Schauspielers, erheblich bei. Frisch verliebt seit knapp zwei Wochen, tanzte Sabrinas Herz immer noch allein bei seinem Anblick heimlich Samba. So auch jetzt, als der hoch gewachsene, gut aussehende Franz auf sie zukam. Seine weißen Zähne blitzten, als er ihr ein strahlendes Lächeln schenkte.
Erschrocken blieb Sabrina stehen. Ihr Herzschlag schien kurz auszusetzen. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Das konnte nicht sein, sie musste sich getäuscht haben. Trotzdem musterte sie sein Gesicht genau, fand jedoch nichts, was ihren Eindruck bestätigt hätte.
Einen Augenblick hatte Sabrina wirklich geglaubt, ein paar lange, spitze Eckzähne zu sehen. Doch das Licht hier draußen auf dem Gang war herunter gedimmt, so dass ihr ihre Phantasie wohl einen Streich gespielt hatte.
Franz hatte sie inzwischen erreicht und nahm ihre Hände. Sanft küsste er ihr die Hände.
"Madl, da bist du ja, ich habe dich schon schrecklich vermisst."
Er beugte sich zu ihr herunter und küsste sie. Sie erwiderte seinen Kuss und spürte, wie er wilder und fordernder wurde. Sofort fing sie Feuer und erwiderte den Kuss leidenschaftlich.
"Wollen wir nicht einfach hier verschwinden? Ich hätte da eine Idee, was wir tun könnten."
Seine flüsternde Stimme nah an ihrem Ohr klang rau und erregt. Immer noch benommen von dem leidenschaftlichen Kuss nickte sie. Wortlos führte er sie den Gang entlang, ihre Hand festhaltend, die Treppe hinunter zum Ausgang.
Draußen wollte er den Arm heben, um ein Taxi heranzuwinken, doch Sabrina legte ihre Hand darauf und hinderte ihn daran. "Es ist so eine schöne, warme Nacht. Lass uns ein Stück laufen", bat sie ihn.
"Gut, Madl, was immer du wünscht."
Sabrina hakte sich bei ihm ein und sie schlenderten die Straße entlang, ihr Kopf lehnte an seiner Schulter. Im Dämmerlicht war nicht viel zu erkennen und die Nacht war still hier in der schmalen Seitenstraße. Nur das Klappern der hohen Absätze von Sabrinas Stöckelschuhen hallte von den Wänden wider. Da zog Franz sie plötzlich in eine dunkle Hofeinfahrt hinein.
Seine Lippen trafen die ihren und er küsste sie wild und hemmungslos. Seine Hände umfassten ihren Po und Sabrina spürte, wie er ihr Kleid hochzog und seine Finger über die Innenseite ihrer Schenkel glitten.
Ein Keuchen drang zwischen ihren Lippen hervor, als sie seine Männlichkeit spürte, die gegen ihren Körper drängte. Von einem Moment zum anderen verschwamm die Umgebung um sie herum. Die nächtlichen Geräusche und die Gerüche der Pflanzen in der Hofeinfahrt verschwanden allmählich.
Sie spürte seine Lippen an ihrem Hals und plötzlich kratzte etwas über ihre Haut. Sie spürte ein kurzes Brennen und etwas lief an ihrem Hals herab.
Völlig willenlos starrte sie in Franz Augen, deren Farbe plötzlich zu gelb wechselte. Innerlich erschrak sie, war aber nicht in der Lage, sich aus dem Bann dieser Augen zu befreien. Sie fesselten die junge Frau förmlich an ihn. Sie sah, wie sich seine Lippen öffneten und die zwei langen, gefährlich aussehenden Eckzähne entblößten. Trotzdem lächelte sie ihn weiter an, völlig hilflos, wehrlos.
"Werde mein", hörte Sabrina eine Stimme in ihrem Kopf. Seine Finger strichen über ihre Beine und sie ließ sich fallen, genoss die Zärtlichkeiten und spürte das Feuer heiß in sich aufsteigen. Wieder glitten seine Lippen über ihren Hals, unter der die Ader mit ihrem heißen Blut kochte. Sie spürte, wie seine Lippen sich öffneten.
Plötzlich erstarrte Franz.
Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen und Sabrina nahm plötzlich wieder ihre Umgebung wahr. Ungläubig schaute er sie an, während seine Hände langsam an ihr nach unten glitten, als er auf die Knie sank. Sie schaute zu ihm hinunter und ein gellender Schrei löste sich von ihren Lippen, als sie den langen Holzpfahl wahrnahm, der aus seinem Rücken ragte. Ihre Knie gaben nach, doch bevor sie zu Boden sinken konnte, fingen sie zwei starke Arme auf. Sabrina öffnete sie Augen und schaute in das Gesicht von Peter Gleitner, dem Regisseur des Stückes, in dem sie am Burgtheater spielte.
"Es ist vorbei, Sabrina", hörte sie seine Stimme.
"Warum hast du Franz das angetan, Peter?"
Sabrinas Stimme überschlug sich fast, klang schrill.
Gleitner lachte auf.
"Ihm angetan? Das ist wirklich gut. Vier Mädchen vom Ballet sind letzten Monat verschwunden, Opfer des Blutdurstes von diesem verdammten Vampir. Gepfählt habe ich ihn, wie er es verdient."
Sabrina hörte seine Worte, war aber noch nicht in der Lage, dass Ausmaß dessen, was der Regisseur ihr sagte, zu erfassen. Sie spürte, wie er mit der Hand über ihren Hals fuhr.
"Schau dir das an, Mädchen. Du hast verdammtes Glück gehabt. Fast wärst du Nummer fünf geworden."
Er hielt seine Hand vor ihre Augen und sie erkannte, dass sie blutbeschmiert war. Verwirrt starrte sie ihn an.
"Er war ein Vampir?"
Gleitner nickte. "Ich fand es zufällig heraus. Nachdem drei der Mädchen verschwunden waren, habe ich die restlichen im Auge behalten und wurde Zeuge, wie er die vierte tötete. Hilflos musste ich dabei zusehen. Ich wusste ja, dass ich mit bloßen Händen nicht gegen ihn ankommen würde. Die Bücher, die ich mir daraufhin besorgte, haben mir die Lösung offenbart."
Er half ihr auf die Beine.
"Komm, Mädchen", sagte er sanft und zog sie auf die Beine. "Erst einmal suchen wir jetzt ein Taxi und bringen dich nach Hause."
Widerstandslos ließ sich Sabrina von ihm führen. Sie warf keinen Blick zurück, noch gefangen von dem Grauen, dem sie im letzten Moment entkommen war.

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